Nullzinsen – will die EZB deutsche Sparer bestrafen?

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Sparer bestrafen

Will die EZB die Sparer bestrafen?

Das Gerücht, dass die EZB die Deutschen Sparer bestrafen will, hält sich hartnäckig. Wer eine entsprechende Recherche bei Google startet, erhält ohne Mühe mehrere Zehntausend Ergebnisse vonseiten, welche sich mit diesem Thema beschäftigen. Offenbar scheint doch was dran zu sein oder etwa nicht?

Wiederholung schafft subjektive Wahrheit

Es gehört zum Zeitgeist, dass man sich heutzutage nicht mehr wirklich mit fundierten Analysen aufhält und keine Zeit mit der Suche nach einer dauerhaft belastbaren Lösung verschwendet. Einfacher und effektiver scheint es heute, griffige, wenn auch haltlose Behauptungen und Forderungen in die Welt zu setzten und sie dann immer und immer wieder wiederholt. Kaum vorstellbar, dass eine dieser Parolen und Scheinlösungen zu blöde wäre, als dass es sich nicht nach einer Weile in unserem Unterbewusstsein einnisten würde. Außer man leistet Wiederstand.
Dies ist ein Finanzblog, weshalb wir uns nicht mit den an Verblödung grenzenden Forderungen von AfD und CSU beschäftigen wollen. Wir konzentrieren uns auf jene Finanztrolle, welche jede Gelegenheit nutzen, um die EZB in die Ecke des Bösen drängen. Mit Sprüchen wie „Mario Draghi will die Sparer bestrafen!“ versuchen sie ein gemeinsames Feindbild zu schaffen. Wer ein gemeinsames Feindbild beherrscht, hat leichtes Spiel, wie es darum geht, seine Jünger hinter sich zu scharen. Feindbilder sind die billigsten und effektivsten Waffen in den Händen von Demagogen und Populisten, denn sie verblenden die Sicht ihrer Gefolgsleute.

Aktueller Kurs finden Sie auf finanzen.netMan muss nicht mit der EZB einig sein. Es gibt gute, ja sehr gute Gründe, weshalb man es sehr gefährlich ansieht, wenn Zentralbanken Staaten und Firmen finanzieren. Aber man sollte sich – wenn man gegen diese Maßnahmen ist und dagegen vorgehen möchte – sich auch mit den tatsächlichen Ursachen beschäftigen, statt auf die einzige Institution einzuprügeln, welche sich ohne Rücksicht auf die nächste Kommunalwahl für das Europäische Wohl einsetzt.

Europa handelt nicht

Tatsächlich ist es die Politik, welche die EZB zu Maßnahmen zwingt, welche so eigentlich niemand haben will. Etwa, weil nach der Euro-Krise die notwendigen staatlichen Reformen (Staatshaushalt, Staatsquote, Regulierung Bankensektor, Rentenproblematik, Arbeitsmarkt, etc.), ausgeblieben sind. Oder weil die Staatslenker sich unisono von der Bankwirtschaft haben überzeugen lassen, dass die Dividenden für die Aktionäre und die Bonifikationen für den Kader wichtiger sind, als eine solide Eigenkapitaldeckung.

Deutschland im Würgegriff der schwäbischen Hausfrau

Überhaupt keine gute Figur macht in diesem Zusammenhang die Bundesrepublik Deutschland. Wir brüsten uns zwar gerne damit, dass wir gestärkt aus der Finanzkrise herausgekommen sind, dass wir als eines der wenigen Länder Europas reales Wachstum haben. Wir vergessen dabei allerdings, dass wir diesen Fortschritt auf Kosten unserer europäischen „Freunde“ machen, welche wir mit unserer Dynamik erdrücken.

Der größte Sünder in diesem Zusammenhang ist die schwäbische Hausfrau, welche die Zukunft von Europa im Allgemeinen und von Deutschland im speziellen zu Tode spart. Seine fehlende Investitionsbereitschaft (u. a. zulasten der Bildung) ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass der übrige Teil von Europa nicht mehr richtig auf die Beine kommt. Doch der Egomane im Finanzministerium bereichert sich lieber am Elend der anderen Staaten (Stichworte hier sind Zinsgewinne und Erträge aus den Rettungsfonds) als etwas Substantielles zum Heilungsprozess der europäischen Wirtschaft beizutragen. Hauptsache Herr Schäuble kann einen ausgeglichenen Haushalt präsentieren. Die Schwarze Null.

Fehlende Investitionen

Wer sich nur ein klein bisschen in der produktiven Wirtschaft bewegt, wird rasch erkennen, dass die Euro-Finanzkrise heute noch tiefe Spuren bei den Unternehmen hinterlassen hat: die Bereitschaft der Wirtschaft in Deutschland und Europa substantiell zu investieren ist minimal. Wer Investitionsgüter vertreibt, kann ein Lied davon singen: kein Geld für Investitionen, Versuche, Experimente. Die Wirtschaft fokussiert sich weiterhin darauf, die Schuldenquote zu senken und Liquidität zu schaffen. Besonders bei mittelständischen Unternehmen hat man aktuell das Gefühl, man wolle es Schäuble gleichtun und dort sparen, wo man Investitionen für die Sicherung des technologischen Vorsprungs eigentlich dringend nötig hätte.

Wer profitiert?

Schlussendlich versucht die EZB seit sechs Jahren als einzige Institution, den wirtschaftlichen Kollaps der Krisenländer aufzuhalten. Wie erfolgreich sie das macht, kann man nur schwer abschätzen, denn wir müssten dazu wissen, was geschehen wäre, wenn Draghi & Co. nicht so resolut eingegriffen hätten. Finanzexperten – auch solche, welche nicht unbeschränkt mit den Methoden einiggehen – geben der EZB durchaus gute Noten.

Von guten Noten sind unsere Politiker, allen voran die schwäbische Hausfrau, meilenweit entfernt. Ihnen liegt die Sonntagsfrage näher, wie eine dauerhafte Lösung der Krise. Schließlich ist sie es, welche von der Zinskrise profitiert und kein Interesse zeigt, auf diesen Bonus zu verzichten. Niemand will also die Deutschen Sparer bestrafen. Das Problem ist, dass die maßgeblichen Personen von der aktuellen Entwicklung profitieren.

Sparer bestrafen sich also selber

Statt sich von irgendwelchen politischen Mäusefängern an der Nase herumführen zu lassen, sollten die ach so gebeutelten Sparer besser dafür sorgen, dass die wirklich Verantwortlichen am Wahltag die Quittung für Ihre kurzsichtige Politik bekommen. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass das Wahlvolk genau so kurzsichtig wählt, wie die Politik handelt. Deshalb finden Parolen wie „Die EZB will Sparer bestrafen!“ ja so einen große Wiederhall: weil sie das Problem umschiffen und keine schmerzhaften Einschnitte verlangen.

Dumm wählt Blöd. Und wenn Blöd damit durchkommt, wird er einen Teufel tun, etwas an seiner Strategie zu ändern.

Daniel S. Batt
Finanzplaner mit eidg. FA (FH)

 

Mehr zum Thema erfahren Sie unter anderem hier: http://www.tagesspiegel.de/politik/niedrige-zinsen-die-maer-von-der-bestrafung-der-sparer/12788762.html

 

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